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Der Aufstieg von Online Coachings (Exkurs)

25. Juli 2026 Ben Willer 18 Min. Lesezeit Online Marketing

Online Coachings wirken heute fast wie ein selbstverständlicher Bestandteil des Internets. Du siehst eine Anzeige auf Instagram, schaust ein Webinar, buchst ein Gespräch und ein paar Tage später sitzt du mit einem Coach in einem Zoom-Call. So normal war das lange nicht. Und vor allem ist der Markt nicht erst durch Corona entstanden. Der Aufstieg von Online Coachings begann schon viel früher.

Die Pandemie war ein enormer Beschleuniger, aber viele der Geschäftsmodelle, Verkaufsmechanismen und Personenmarken, die den heutigen Coachingmarkt prägen, gab es bereits Jahre vorher. Wer sich im deutschsprachigen Online Business schon um 2014, 2015 oder 2016 bewegt hat, erinnert sich vermutlich eher an Begriffe wie Affiliate Marketing, Infoprodukte, Internet Marketing, Produkt-Launches, PPC, Webinare und Sales Funnels. Namen wie Kris Stelljes, Ralf Schmitz, Thomas Klußmann, Said Shiripour oder Jakob Hager tauchten immer wieder auf. Parallel kamen klassische Verkaufstrainer und Seminaranbieter wie Dirk Kreuter stärker im digitalen Geschäft an.

Erst nach und nach verschmolzen diese Welten zu dem, was heute häufig ziemlich pauschal als Online Coaching bezeichnet wird. Und genau deshalb lohnt sich dieser kleine historische Exkurs.

Online Coaching ist eigentlich ein Modell-Mix

Beim Begriff Online Coaching gibt es zunächst ein Problem: Er kann heute fast alles bedeuten. Ein klassisches Coaching besteht normalerweise aus der persönlichen Arbeit zwischen Coach und Kunde. In der Online-Business-Welt wird der Begriff allerdings wesentlich breiter verwendet.

Ein sogenanntes Coachingprogramm kann beispielsweise aus Videolektionen, wöchentlichen Gruppencalls, einer Community, Vorlagen, Chat-Support und einzelnen persönlichen Gesprächen bestehen. Manchmal handelt es sich fachlich eher um Beratung. Manchmal um Training. Manchmal um einen Onlinekurs mit Betreuung.

Dass diese Grenzen inzwischen fließend sind, sieht man sogar im professionellen Coachingmarkt. Laut der ICF Global Coaching Study 2025 bieten viele Coaches neben Coaching weitere Leistungen an. 60 Prozent nannten Training, 57 Prozent Consulting, 55 Prozent Facilitation und 49 Prozent Mentoring.

Online Coaching ist deshalb weniger ein einzelnes Produkt als eine Art, Wissen und persönliche Unterstützung digital zu verpacken. Und genau diese Verpackung hat sich über viele Jahre entwickelt.

Die Zeit vor Online Coaching

Business Online Coaching ist natürlich deutlich älter als Social Media. Unternehmen haben schon lange externe Berater, Verkaufstrainer oder Führungskräfte-Coaches engagiert. Wissen wurde in Seminaren vermittelt, Berater kamen ins Unternehmen und Teilnehmer reisten für mehrtägige Veranstaltungen in Hotels oder Kongresszentren.

Ein gutes Beispiel für diese ältere Welt ist Dirk Kreuter. Nach eigenen Angaben arbeitet er seit 1990 im Bereich Vertriebstraining. Seine Karriere begann also Jahrzehnte vor Instagram, automatisierten Webinar-Funnels oder der heutigen Coaching-Szene.

Später wurden aus solchen klassischen Trainingsunternehmen zunehmend hybride Geschäftsmodelle. Es kamen Bücher, digitale Inhalte, Podcasts, YouTube, Onlinekurse und umfangreiche Marketing-Funnels hinzu. Genau darin liegt eine wichtige Entwicklung des Marktes: Das Online Coaching selbst war nicht neu. Neu waren die Möglichkeiten, es zu vermarkten und auszuliefern.

Früher musste ein Trainer einen Seminarraum mit mehreren hundert Teilnehmern füllen. Heute kann er dieselben Interessenten zunächst über YouTube oder einen Podcast erreichen und anschließend online weiter betreuen.

Die Zeit von Affiliate Marketing und Infoprodukten

Bevor jeder zweite Anbieter von einem Coachingprogramm sprach, waren im deutschsprachigen Online Business andere Begriffe üblich. Vor allem Affiliate Marketing und digitale Infoprodukte spielten eine große Rolle.

Die Idee war verlockend: Du erstellst einmal ein digitales Produkt und kannst es anschließend immer wieder verkaufen. Andere Webseitenbetreiber oder Marketer bewerben das Produkt als Affiliate und erhalten eine Provision. E-Mail-Marketing war dabei besonders wichtig, denn eine große E-Mail-Liste konnte Verkäufe erzeugen, ohne dass der Anbieter für jeden neuen Launch bei null anfangen musste.

Ein Name, der gut für diese frühe Phase steht, ist Ralf Schmitz. Er gibt an, seit 2006 im Affiliate Marketing aktiv zu sein und hat dieses Thema über viele Jahre im deutschsprachigen Raum vermarktet. Dabei geht es hier gar nicht darum, einzelne Personen zum Erfinder einer Branche zu erklären. Interessanter ist das Geschäftsmodell dahinter.

Viele Mechanismen des heutigen Coachingmarketings waren schon vorhanden: Interessent, kostenloser Inhalt, E-Mail-Liste, Verkaufsseite, digitales Produkt und weitere Angebote. Auch Upsells, Affiliate-Provisionen, zeitlich begrenzte Launches und automatisierte E-Mail-Serien gab es lange bevor „High-Ticket-Coaching“ zum Modebegriff wurde.

Der große Unterschied war das Produkt. Das Ideal dieser frühen Phase war möglichst wenig persönliche Betreuung. Schließlich sollte ein digitales Produkt gerade deshalb attraktiv sein, weil es sich theoretisch hundert- oder tausendmal verkaufen ließ, ohne dass der Anbieter hundert- oder tausendmal seine Zeit investieren musste. Das berühmte Versprechen vom passiven Einkommen passte perfekt dazu.

Aus Infoprodukt-Anbietern wurden Personenmarken

Mitte der 2010er-Jahre veränderte sich die Szene. Die Person hinter dem Produkt rückte stärker in den Mittelpunkt. YouTube wurde wichtiger, Facebook ermöglichte sowohl organische Reichweite als auch bezahlte Werbung und persönliche Geschichten wurden zu einem zentralen Bestandteil des Marketings.

Ein sehr gutes Beispiel für diese Ära ist Kris Stelljes. Stelljes wurde in der deutschsprachigen Online-Marketing-Szene vor allem Mitte der 2010er-Jahre sehr sichtbar. Bei den Tiger Awards gewann er 2015 und 2016 jeweils die Auszeichnung „Online Marketer des Jahres“.

Wer verstehen möchte, welche Themen diese Zeit geprägt haben, muss sich eigentlich nur seine damaligen Vorträge ansehen. Auf der Contra sprach Stelljes 2014 über profitables PPC-Marketing, 2015 und 2016 über den Aufbau eines siebenstelligen Internetgeschäfts mit PPC-Marketing und 2017 über Sales Letter. Das ist ziemlich weit entfernt von der heutigen typischen Instagram-Anzeige eines Business Coaches. Und trotzdem erkennt man bereits die Grundlage dafür.

Es ging um Traffic, digitale Produkte, Direktmarketing und darum, einen Interessenten möglichst systematisch vom ersten Kontakt bis zum Kauf zu führen. Gleichzeitig wurde die Geschichte des Unternehmers selbst wichtiger. Nicht mehr nur: „Hier ist ein Kurs über Online Marketing“, sondern zunehmend: „Ich habe diesen Weg selbst genommen und zeige dir mein System.“

Diese Generation von Online-Marketern baute viele der Vertriebsmechanismen auf, die später für den Coachingmarkt extrem wichtig wurden.

Die Contra bringt die Szene zusammen

Einen erstaunlich guten historischen Blick auf diese Zeit liefern alte Programme von Online-Marketing-Konferenzen. Die Contra 2017 ist dafür ein schönes Beispiel.

Die Contra 2017

Die Veranstaltung fand im Juni 2017 in Düsseldorf statt und hatte laut damaligem Rückblick 1.250 Teilnehmer, davon 750 vor Ort und 500 über einen Livestream. Interessanter als die Teilnehmerzahl ist allerdings das Programm. Dort wurde unter anderem über automatisiertes E-Mail-Marketing, Leadgenerierung, Facebook, Content Marketing, Chatbots und digitale Expertenprodukte gesprochen.

Kris Stelljes hielt einen Vortrag darüber, wie ein digitales Expertenprodukt erstellt und automatisiert verkauft werden kann. In einer PPC-Paneldiskussion saßen unter anderem Jakob Hager, Said Shiripour und Raoul Plickat. Auch Dirk Kreuter trat dort auf.

Diese Mischung ist rückblickend ziemlich aufschlussreich. Auf derselben Veranstaltung trafen klassische Verkaufsexperten auf Affiliate-Marketer, PPC-Spezialisten, Social-Media-Leute und Verkäufer digitaler Produkte. Genau aus dieser Mischung entwickelte sich später ein großer Teil des modernen Online-Coaching-Marktes.

Thomas Klußmann und die Infrastruktur der Online-Business-Szene

Nicht nur einzelne Marketer prägten diese Entwicklung. Rundherum entstand eine komplette Infrastruktur aus Veranstaltungen, Plattformen und Netzwerken. Thomas Klußmann und Christoph Schreiber gründeten beispielsweise 2011 Gründer.de. Die erste Contra fand laut Gründer.de 2013 in Düsseldorf statt.

Solche Veranstaltungen waren wichtiger, als es zunächst klingt. Online-Marketing-Wissen verbreitete sich dadurch innerhalb der Szene schnell. Ein Anbieter zeigte einen funktionierenden Funnel, ein anderer präsentierte seine Facebook-Werbung und auf der nächsten Veranstaltung setzten zehn weitere Unternehmen ähnliche Strategien ein.

Dazu kamen Kooperationen und Affiliate-Partnerschaften. Wer bereits eine große E-Mail-Liste hatte, konnte den nächsten Produkt-Launch eines anderen Anbieters bewerben. Dadurch erreichten Produkte teilweise innerhalb kurzer Zeit sehr große Teile der vergleichsweise kleinen deutschsprachigen Online-Marketing-Szene.

Diese Phase war gewissermaßen das Labor für viele Dinge, die heute selbstverständlich erscheinen.

Die nächste Ära: Facebook Ads, Webinare und Funnels

Ab ungefähr Mitte der 2010er-Jahre wurde bezahlte Werbung für viele Anbieter immer wichtiger. Das veränderte das Geschäftsmodell fundamental.

Vorher war eine große vorhandene Reichweite ein enormer Vorteil. Mit Facebook Ads konnte sich ein Anbieter Reichweite wesentlich direkter einkaufen. Damit wurde ein Funnel besonders populär:

Facebook-Anzeige → Landingpage → Webinar → E-Mail-Serie → Angebot.

Das klingt heute beinahe banal. Damals eröffnete es aber vollkommen neue Möglichkeiten. Wenn ein Anbieter beispielsweise wusste, dass ihn ein Webinar-Teilnehmer durchschnittlich 10 Euro kostete und daraus zuverlässig genügend Verkäufe entstanden, konnte er sein Werbebudget erhöhen und das System skalieren.

Said Shiripour und Jakob Hager stehen beispielhaft für diese Phase. Beim Contra-Umfeld dieser Zeit tauchten beide sichtbar im Zusammenhang mit PPC, Produkt-Launches und Facebook-Marketing auf.

Und genau hier wurde aus dem klassischen Infoprodukt langsam etwas anderes.

Von günstigen Onlinekursen zu hochpreisigen Online Coachings

Ein digitales Produkt hat aus Sicht des Anbieters einen großen Vorteil: Die Grenzkosten einer weiteren Auslieferung sind sehr niedrig. Aber es gibt ein anderes Problem. Der Preis ist häufig ebenfalls relativ niedrig.

Nehmen wir einen Onlinekurs für 97 Euro. Für 10.000 Euro Umsatz brauchst du rund 103 Verkäufe. Bei 197 Euro sind es immer noch rund 51 Verkäufe. Und Umsatz ist natürlich noch lange kein Gewinn, denn Werbeanzeigen, Affiliate-Provisionen, Zahlungsanbieter, Mitarbeiter, Software und Rückerstattungen können die Marge deutlich reduzieren.

Bei einem Programm für 3.000, 5.000 oder 10.000 Euro verändert sich diese Rechnung komplett. Plötzlich reichen wenige Kunden. Allerdings kann ein Anbieter solche Preise nur schwer rechtfertigen, wenn der Käufer anschließend lediglich Zugriff auf 30 aufgezeichnete Videos erhält.

Also wurde das Produkt erweitert. Zu den Videos kamen persönliche Calls, Gruppentermine, Feedback, Communities, Vorlagen und Unterstützung bei individuellen Problemen. Aus dem skalierbaren Infoprodukt wurde zunehmend ein betreutes Programm. Und genau das wurde dann als Online Coaching verkauft.

Das High-Ticket-Modell veränderte auch den Verkauf

Ein Produkt für 49 oder 99 Euro kannst du relativ problemlos direkt über eine Verkaufsseite verkaufen. Bei mehreren Tausend Euro funktioniert das schwieriger.

Daher verbreitete sich ein weiterer Funnel:

Werbeanzeige → Webinar oder kostenloses Training → Bewerbung → Verkaufsgespräch → Coachingprogramm.

Das Verkaufsgespräch wurde plötzlich zu einem zentralen Bestandteil des Online Business. Damit entstanden wiederum neue Jobs und Prozesse. Closer führten Verkaufsgespräche, Setter qualifizierten Interessenten und vereinbarten Termine, Coaches betreuten Kunden und Marketingteams schalteten Werbung und produzierten Content.

Aus dem einzelnen Experten mit einem Laptop wurde zunehmend ein richtiges Unternehmen. Und an diesem Punkt beginnt die Ära, die viele heute unmittelbar mit Business Online Coaching verbinden.

Die Baulig-Ära: Online Coaching als Geschäftsmodell

Ein besonders interessantes Phänomen entstand in der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre. Jetzt verkauften Anbieter nicht mehr nur Coachings zu einem bestimmten Fachthema. Sie zeigten anderen Coaches, Beratern und Dienstleistern, wie sie selbst ein hochpreisiges Coaching- oder Beratungsangebot aufbauen und verkaufen können.

Damit entstand gewissermaßen eine zweite Ebene des Marktes.

Ein bekanntes deutschsprachiges Beispiel ist die Baulig Consulting GmbH. Das Unternehmen wurde nach eigenen Angaben 2016 gegründet und konzentriert sich auf die Digitalisierung und Skalierung von Selbstständigen und mittelständischen Unternehmen. Auf der eigenen Webseite werden dabei ausdrücklich auch Coachingprogramme und entsprechende Vertriebsprozesse genannt.

Das ist ein wichtiger Punkt in der Entwicklung. Denn Coaching war jetzt nicht mehr nur eine Form der Wissensvermittlung. Coaching selbst wurde als Geschäftsmodell standardisiert.

Es gab Strategien für Positionierung, Leadgenerierung, Terminbuchung, Verkaufsgespräche, Betreuung und Skalierung. Statt dass ein Experte zufällig einige Beratungskunden gewann, konnte daraus ein durchgeplanter Vertriebsprozess entstehen.

Natürlich haben Andreas und Markus Baulig dieses Modell nicht allein erfunden. Sie stehen aber ziemlich gut für eine Ära, in der das High-Ticket-Coaching im deutschsprachigen Raum wesentlich professioneller und gleichzeitig wesentlich sichtbarer wurde.

Parallel digitalisierten sich die klassischen Trainer

Gleichzeitig passierte etwas Interessantes auf der anderen Seite des Marktes. Auch die klassischen Seminaranbieter lernten Online Marketing.

Trainer wie Dirk Kreuter setzten zunehmend auf Social Media, Content, digitale Produkte und große Online-Reichweiten. Der klassische Verkaufstrainer und der junge Online-Marketer bewegten sich dadurch immer stärker aufeinander zu.

Der eine brachte Verkauf, Seminare und langjährige Beratungserfahrung mit. Der andere brachte Funnels, Facebook Ads, Landingpages und automatisiertes E-Mail-Marketing mit. Am Ende übernahmen beide Seiten Methoden voneinander.

Deshalb ist es heute teilweise schwierig, überhaupt noch eine klare Grenze zu ziehen. Ist jemand Coach, Berater, Trainer, Speaker, Content Creator oder Unternehmer? Oft lautet die Antwort: von allem etwas.

Social Media machte die Person selbst zum Vertriebskanal

Mit YouTube, Instagram, LinkedIn und später TikTok kam noch eine weitere Entwicklung hinzu. Früher benötigte ein Coach Empfehlungen, Anzeigen oder gute Kontakte. Heute kann er täglich öffentlich zeigen, was er weiß.

Ein Steuerberater kann kurze Videos zu typischen Steuerfehlern veröffentlichen. Ein Fitnesstrainer kann auf YouTube Trainingspläne erklären. Ein Marketingberater kann öffentlich Werbeanzeigen analysieren.

Dadurch entsteht etwas, das früher wesentlich schwerer aufzubauen war: Vertrauen vor dem ersten persönlichen Kontakt. Wenn ein Interessent bereits 30 Videos eines Anbieters gesehen und mehrere Newsletter gelesen hat, ist die Ausgangslage eines Verkaufsgesprächs vollkommen anders.

Das erklärt auch, warum Personenmarken für den Coachingmarkt so wichtig geworden sind. Ein Interessent kauft nicht nur eine Methode. Er entscheidet sich häufig ganz bewusst für eine bestimmte Person.

Das Skalierungsproblem

Eine starke Personenmarke hilft beim Verkauf, kann bei der Auslieferung allerdings zum Problem werden. Wenn ein Online Coaching ausschließlich deshalb gekauft wird, weil der Kunde persönlich mit einem bekannten Unternehmer arbeiten möchte, kann dieser Unternehmer nur eine begrenzte Zahl von Kunden betreuen.

Also muss das Angebot verändert werden. Aus 1:1-Gesprächen werden Gruppencalls, ein Teil des Wissens landet in Videos, Supportmitarbeiter beantworten Fragen und weitere Coaches übernehmen Termine.

Das Unternehmen wird skalierbarer, gleichzeitig entfernt sich das Produkt immer weiter vom klassischen persönlichen Coaching. Das ist einer der Gründe, warum heutige Online-Coachings so unterschiedlich aussehen.

Ein 5.000-Euro-Programm kann zehn persönliche 1:1-Termine enthalten. Es kann aber genauso gut überwiegend aus Videos, einer Community und einem wöchentlichen Gruppencall mit 100 Teilnehmern bestehen. Der Begriff allein sagt wenig über die tatsächliche Leistung aus.

Corona war nicht der Anfang

Dann kam 2020. Plötzlich konnten Seminare nicht stattfinden, Unternehmen schickten Mitarbeiter ins Homeoffice und persönliche Gespräche wurden durch Videocalls ersetzt. Für die Coachingbranche war das ein enormer Schub.

Aber die Entwicklung hatte bereits vorher begonnen.

Eine Untersuchung der International Coaching Federation zeigt das sehr deutlich. Zwischen 2015 und 2019 verdoppelte sich der Anteil der Coaches, die Audio-Video-Plattformen häufig oder immer nutzten, von 24 auf 48 Prozent. Während der Pandemie berichteten anschließend 83 Prozent der befragten Coaches, dass ihre Nutzung solcher Plattformen gestiegen war.

Corona hat Online Coaching nicht erfunden. Corona hat einen bestehenden Trend innerhalb kürzester Zeit zum Standard gemacht.

Die Infrastruktur war längst vorhanden. Zoom und ähnliche Videoplattformen existierten. Mitgliederbereiche existierten. Onlinekurse existierten. E-Mail-Marketing und Webinare existierten. Digitale Zahlungsanbieter existierten.

Jetzt musste nur noch der letzte wirklich persönliche Teil der Leistung ins Internet wandern.

Die Zeit nach Corona

Man hätte vermuten können, dass sich die Coachingbranche nach der Pandemie wieder stärker auf persönliche Treffen verlagert. Das ist nicht passiert.

Laut International Coaching Federation bieten inzwischen 87 Prozent der Coaches ihre Leistungen über Videoplattformen an. Die Zahl stammt aus der ICF Global Coaching Study 2025.

Virtuelle Betreuung ist damit im professionellen Coachingmarkt keine Notlösung mehr. Sie ist normal.

Auch die Branche insgesamt ist weiter gewachsen. Die ICF beziffert die weltweiten jährlichen Einnahmen der professionellen Coachingbranche für ihre Studie von 2025 auf rund 5,34 Milliarden US-Dollar und schätzt die Zahl der Coach-Praktiker weltweit auf 122.974. Die von PwC durchgeführte Befragung umfasste mehr als 10.000 Teilnehmer aus 127 Ländern.

Diese Zahlen darf man allerdings nicht falsch verstehen. Sie bilden den professionellen Coachingmarkt nach der Definition der ICF ab. Sie sind keine verlässliche Marktgröße für sämtliche Business-, Fitness-, Dating-, Mindset- oder Social-Media-Coachings, die irgendwo im Internet angeboten werden.

Trotzdem zeigen die Daten ziemlich deutlich, dass Online Coaching und digitale Betreuung keine kurzfristige Modeerscheinung sind.

Warum Online Coaching wirtschaftlich so attraktiv ist

Der große Vorteil liegt nicht nur darin, dass kein Seminarraum benötigt wird. Online Coaching verändert den möglichen Markt.

Ein sehr spezialisierter Berater hätte lokal vielleicht kaum genügend Kunden. Nehmen wir jemanden, der ausschließlich selbstständigen Hochzeitsfotografen dabei hilft, Firmenkunden zu gewinnen. In einer einzelnen Stadt wäre die Zielgruppe vermutlich zu klein.

Online kann dieser Anbieter Fotografen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz erreichen. Das ermöglicht extrem spitze Positionierungen.

„Ich helfe Unternehmen beim Marketing“ ist austauschbar. „Ich helfe selbstständigen Steuerberatern dabei, über LinkedIn regelmäßig Anfragen von mittelständischen Unternehmen zu erhalten“ ist wesentlich konkreter.

Das Internet hat deshalb nicht nur die Reichweite von Coaches erhöht. Es hat hochspezialisierte Coachingangebote wirtschaftlich überhaupt erst interessant gemacht.

Warum Menschen für Coaching bezahlen, obwohl Wissen kostenlos ist

Der Aufstieg von Online Coaching wirkt auf den ersten Blick noch aus einem anderen Grund merkwürdig. Noch nie war so viel Wissen kostenlos verfügbar. Du kannst bei Google recherchieren, stundenlange YouTube-Videos ansehen, Bücher lesen oder mittlerweile KI verwenden.

Warum sollte jemand mehrere Tausend Euro für ein Online Coaching bezahlen?

Weil Wissen häufig nicht das eigentliche Problem ist. Wer einen Onlineshop starten möchte, kann innerhalb weniger Stunden herausfinden, wie Shopify funktioniert. Danach bleiben trotzdem Fragen: Welches Produkt soll ich verkaufen? Ist mein Angebot schlecht? Warum funktioniert meine Werbung nicht? Sollte ich zuerst die Produktseite ändern oder neue Anzeigen testen?

Ein gutes Coaching verkauft deshalb nicht nur Information. Es verkauft Einordnung, Feedback, Struktur, Erfahrung und individuelle Unterstützung bei Entscheidungen.

Und genau hier dürfte meiner Meinung nach auch die Zukunft des Marktes liegen.

Die problematische Seite des Coaching-Booms

Die niedrigen Einstiegshürden haben natürlich eine Kehrseite. Du brauchst heute keine große Infrastruktur, um ein Coachingunternehmen zu starten. Eine Webseite, eine Videoplattform, ein Kalender für Terminbuchungen und ein Zahlungsanbieter reichen technisch bereits ziemlich weit.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die dahinterliegende Leistung gut ist.

Professionelles Marketing und gute Beratung sind zwei vollkommen unterschiedliche Fähigkeiten. Ein Anbieter kann hervorragende Anzeigen schalten und trotzdem ein mittelmäßiges Produkt liefern. Genau dadurch hat die Branche in den vergangenen Jahren teilweise auch einen schlechten Ruf bekommen.

Hohe Preise, aggressive Verkaufsgespräche, extreme Einkommensversprechen und Erfolgsgeschichten einzelner Kunden können den Eindruck vermitteln, das Ergebnis des Coachings sei beinahe garantiert. Das ist es nicht.

Besonders im Business Coaching hängt ein Ergebnis von unzähligen Faktoren ab: Ausgangslage, Erfahrung, Kapital, Markt, Angebot, Umsetzung und manchmal schlicht Timing.

Ein guter Funnel ist deshalb niemals ein Beweis für ein gutes Coaching.

Die nächste Ära: weniger Information, mehr Umsetzung

Der Coachingmarkt steht inzwischen vor der nächsten Veränderung. Und diesmal ist KI einer der wichtigsten Treiber.

Noch vor wenigen Jahren konnte ein umfangreicher Videokurs allein dadurch wertvoll wirken, dass darin Informationen gut strukturiert zusammengefasst wurden. Heute kann ein Nutzer viele Grundlagen innerhalb weniger Sekunden abfragen.

Das macht Wissen nicht wertlos. Aber allgemeines Wissen wird immer schwerer teuer zu verkaufen.

Ein Business Coaching mit dem Inhalt „So funktioniert Instagram“ dürfte es deshalb langfristig wesentlich schwerer haben als ein Angebot, das ein konkretes Unternehmen analysiert und individuelle Entscheidungen begleitet.

Das gleiche gilt für Onlinekurse. Ein 40-stündiger Videokurs ist nicht automatisch besser als ein zweistündiger Kurs. Und möglicherweise ist ein gut aufgebauter KI-Assistent für manche Grundlagen sogar hilfreicher als beide.

Deshalb dürfte sich der Wert von Online Coaching weiter verschieben. Weg von „Ich habe Informationen, die du nicht hast“ und hin zu „Ich helfe dir dabei, aus den verfügbaren Informationen die richtigen Entscheidungen für deine konkrete Situation zu treffen.“

Von Kris Stelljes bis zum heutigen Coachingunternehmen

Rückblickend lässt sich die Entwicklung erstaunlich gut in verschiedene Phasen unterteilen.

Zuerst kamen klassische Trainer, Seminare und Beratungsunternehmen. Dann entwickelten sich Affiliate Marketing und digitale Infoprodukte. Menschen wie Ralf Schmitz stehen beispielhaft für diese frühe Online-Business-Phase.

Anschließend wurden Personenmarken und Direktmarketing wichtiger. Kris Stelljes ist dafür eines der bekanntesten Beispiele aus der deutschsprachigen Szene der Mitte der 2010er-Jahre. Seine Contra-Auftritte und seine beiden Tiger Awards zeigen ziemlich gut, welche Bedeutung Online Marketing, PPC und digitale Produkte damals hatten.

Danach kamen Facebook Ads, Webinare und immer ausgefeiltere Funnels. Namen wie Said Shiripour und Jakob Hager wurden in dieser Welt sichtbar. Veranstaltungen wie die Contra brachten Online-Marketer, klassische Trainer und digitale Unternehmer zusammen.

In der nächsten Phase wurden aus günstigen Infoprodukten zunehmend umfangreiche hochpreisige Beratungs- und Coachingprogramme. Unternehmen wie Baulig stehen beispielhaft für die Professionalisierung und Standardisierung dieses Modells. Parallel digitalisierten klassische Trainer wie Dirk Kreuter ihre eigenen Geschäftsmodelle.

Und mit Corona wurde das digitale Coaching endgültig zum Massenphänomen.

Diese Phasen verliefen natürlich nicht sauber nacheinander. Sie überschnitten sich und es gab viele weitere Personen, Unternehmen und Entwicklungen. Trotzdem erkennt man eine klare Linie.

Das moderne Online Coaching ist im Grunde aus der Verbindung von klassischer Beratung und den Vertriebsmechanismen des Online Marketings entstanden.

Der Aufstieg von Online Coachings

Wenn man nur auf die vergangenen paar Jahre schaut, könnte man glauben, dass Online Coaching mit Zoom und Corona groß geworden ist. Tatsächlich reicht die Entwicklung wesentlich weiter zurück.

Die Grundlage wurde durch klassische Trainer und Berater gelegt. Affiliate-Marketer und Infoprodukt-Anbieter entwickelten digitale Verkaufsmodelle. Online-Marketer wie Kris Stelljes machten Personenmarken, PPC, E-Mail-Marketing und digitale Expertenprodukte populär. Facebook Ads und Webinare machten Kundengewinnung skalierbarer. Hochpreisige Programme brachten persönliche Betreuung zurück in das ursprünglich möglichst automatisierte Infoprodukt.

Corona hat all diese Entwicklungen schließlich zusammengeführt und enorm beschleunigt.

Heute ist Online Coaching ein etabliertes Geschäftsmodell. Aber der Markt verändert sich bereits wieder. Allgemeine Informationen werden durch kostenlose Inhalte und KI immer leichter verfügbar. Gleichzeitig sind Kunden mit Funnels, Webinaren und typischen Verkaufsversprechen wesentlich vertrauter als noch vor zehn Jahren.

Meiner Meinung nach ist das keine schlechte Entwicklung. Denn dadurch wird langfristig wieder wichtiger, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Wie gut ist die tatsächliche Leistung hinter dem Marketing?

Die nächste Generation erfolgreicher Online Coachings dürfte deshalb weniger davon leben, geheimes Wissen zu versprechen. Sie muss dabei helfen, konkrete Probleme besser zu lösen.

Quellen

Quellenverzeichnis

  1. The Impact of COVID-19 on the Coaching Industry sellcoursesonline.com
  2. Wachstum des Coachingmarktes von 2015 bis 2025 luisazhou.com
  3. The Coaching Industry Market Size in 2025-26 luisazhou.com
Ben Willer
Geschrieben von

Ben Willer

Ben Willer ist Gründer von Business Lernen und seit mehreren Jahren im Online Marketing tätig. Neben eigenen Projekten und Umsätzen im Online Business hat er zahlreiche digitale Kurse und Weiterbildungsangebote selbst gekauft und getestet. Außerdem entwickelte er Software für den Affiliate Marketing Bereich und arbeitete direkt mit Anbietern von Online Kursen und Coachings zusammen. Auf Business Lernen nutzt er diese Erfahrung, um digitale Weiterbildungsangebote aus Sicht eines Käufers zu prüfen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Marketingversprechen des Anbieters, sondern die Frage, was Käufer tatsächlich für ihr Geld bekommen.

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