Wenn du heute erzählst, dass du dein Geld mit einem Online Business verdienst, entstehen bei vielen Menschen ziemlich schnell dieselben Bilder im Kopf: Dubai, Lamborghini, Rolex, irgendwelche Erfolgssprüche und ein Coaching für mehrere Tausend Euro. Das ist natürlich eine ziemlich verzerrte Darstellung einer riesigen Branche. Ein Onlineshop ist genauso Online Business wie eine Software, eine Affiliate-Webseite oder ein digitales Weiterbildungsangebot.
Trotzdem kommt der schlechte Ruf nicht aus dem Nichts. Und wenn man verstehen möchte, wie dieses Bild im deutschsprachigen Raum entstanden ist, kommt man an Personen wie Karl Ess kaum vorbei.
Das Interessante an seiner Geschichte ist dabei nicht nur die Menge an Kontroversen. Karl Ess war gleichzeitig erstaunlich früh bei vielen Entwicklungen dabei, die Jahre später im Online Business vollkommen normal wurden: Content Marketing, Personenmarken, digitale Produkte, Social-Media-Vertrieb, Network Marketing und schließlich Angebote rund um Unternehmertum, Finanzen und Immobilien.
Im August 2026 bekam diese Geschichte allerdings eine neue Dimension. Karl Ess befindet sich mittlerweile in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Betrug im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften.
Bevor wir dazu kommen, müssen wir allerdings einige Jahre zurückgehen. Denn eigentlich begann alles ziemlich unspektakulär mit Fitnessvideos auf YouTube.
Karl Ess war einer der ersten großen Fitness-YouTuber
Wer Karl Ess erst aus seinen späteren Business-, Finanz- oder Immobilieninhalten kennt, unterschätzt wahrscheinlich, wie groß sein Einfluss auf die frühe deutsche Fitnessszene im Internet war. Ess begann bereits Anfang der 2010er-Jahre damit, Videos rund um Muskelaufbau, Training und Ernährung zu veröffentlichen. 2014 berichtete OMR von rund 80 Millionen Videoaufrufen auf seinem YouTube-Kanal. 2015 beschrieben ihn Medien als einen der größten deutschen Fitness-YouTuber.
Das klingt aus heutiger Sicht nicht besonders außergewöhnlich. Fitness-Influencer gibt es schließlich tausendfach. Damals sah das anders aus. YouTube wurde von vielen Unternehmen noch hauptsächlich als Videoplattform betrachtet, während Karl Ess ziemlich früh verstand, dass die eigentliche wirtschaftliche Chance nicht unbedingt in den Werbeeinnahmen von YouTube lag.
Die Reichweite war der Anfang des Geschäfts, nicht das Geschäft selbst.
Kostenlose Videos erzeugten Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit erzeugte Vertrauen. Und dieses Vertrauen ließ sich anschließend für eigene Produkte nutzen. Genau dieses Prinzip gehört heute zu den Grundlagen eines modernen Creator Business.

Quelle: XING Karl Ess
Aus kostenlosen Fitnessvideos wurde ein richtiges Online Business
Karl Ess verkaufte unter anderem ein eigenes digitales Trainingsprogramm. Dazu kamen weitere Geschäftsbereiche wie Kleidung und Nahrungsergänzung. Die WELT berichtete Anfang 2015 beispielsweise über sein „360-Grad-Paket“. Ein Artikel der Süddeutschen Zeitung beschrieb später, wie Ess ein individuelles Online-Trainingsprogramm entwickelte und an seine YouTube-Zuschauer verkaufte.
Wirtschaftlich ist das ein ziemlich interessantes Modell. Statt bei jedem Kunden erneut eine Stunde Personal Training zu verkaufen, konnte ein Trainingsprogramm einmal erstellt und anschließend immer wieder digital ausgeliefert werden. Gleichzeitig musste Karl Ess nicht bei null anfangen und teuer Kunden einkaufen. Seine YouTube-Videos brachten jeden Tag neue Interessenten.
Im Grunde sah der Funnel ungefähr so aus: YouTube-Video → Vertrauen in Karl Ess → digitales Trainingsprogramm → weitere Produkte.
Heute würde daran kaum noch jemand etwas Besonderes finden. Du findest dieselbe Logik bei Fitness-Apps, Finanz-Newslettern, Softwareunternehmen, Coaches, Beratern und E-Commerce-Marken. Ein Unternehmen veröffentlicht hilfreiche Inhalte, baut eine Zielgruppe auf und verkauft dieser Zielgruppe anschließend ein passendes Produkt.
Karl Ess gehörte im deutschsprachigen Fitnessbereich zu den Personen, die dieses Prinzip sehr früh und sehr aggressiv umgesetzt haben. Und genau hier beginnt der interessante Teil seiner Geschichte.
Karl Ess verkaufte irgendwann nicht mehr nur Fitness
Ein Fitness-YouTuber hat ein relativ einfaches Problem: Selbst wenn die Reichweite riesig wird, bleibt das Thema begrenzt. Du kannst Trainingspläne, Nahrungsergänzung, Kleidung, Bücher oder Mitgliedschaften verkaufen. Aber irgendwann stellt sich die Frage, wie aus einer großen Personenmarke ein noch größeres Geschäft entstehen kann.
Bei Karl Ess verlagerte sich der Schwerpunkt deshalb zunehmend. Aus Fitness wurde Lifestyle, aus Lifestyle wurde Unternehmertum. Später kamen Themen wie Investments, Kryptowährungen, Vermögensaufbau und Immobilien hinzu.
Das ist für sich genommen noch überhaupt nichts Verwerfliches. Unternehmer verändern ihre Geschäftsmodelle, Menschen entwickeln neue Kompetenzen und natürlich darf jemand, der mit Fitness bekannt geworden ist, später Unternehmen gründen oder über Immobilien sprechen.
Problematisch wird es erst, wenn die Person selbst zum wichtigsten Kompetenznachweis wird. Dann lautet die Verkaufslogik nicht mehr: „Ich habe ein gutes Produkt zum Thema X“, sondern eher: „Schau dir mein Leben an. Ich bin erfolgreich. Deshalb kann ich dir zeigen, wie Erfolg funktioniert.“
Und dieser Unterschied ist enorm.
Der Lifestyle wurde irgendwann selbst zum Verkaufsargument
Karl Ess war schon früh dafür bekannt, Erfolg sichtbar zu inszenieren. OMR schrieb bereits 2014 über teure Autos und Uhren, mit denen Ess bewusst polarisierte. Im selben Artikel gab er einen monatlichen Umsatz von 800.000 Euro an. Wichtig dabei: Diese Zahl stammte von Karl Ess selbst und war keine unabhängig bestätigte Gewinnzahl.
Genau solche Unterschiede gehen auf Social Media schnell verloren. 800.000 Euro Umsatz klingt beeindruckend, aber Umsatz sagt zunächst wenig darüber aus, wie viel Geld am Ende übrig bleibt. Ein Unternehmen mit 800.000 Euro Umsatz kann extrem profitabel sein. Es kann aber genauso enorme Ausgaben, Provisionen, Warenkosten, Werbekosten oder andere Verpflichtungen haben.
In der klassischen Unternehmenswelt würde man deshalb nach Bilanzen, Gewinn, Cashflow und Verbindlichkeiten fragen. In der Influencerwelt reicht häufig ein Sportwagen.
Erfolg wird nicht mehr über überprüfbare Unternehmenszahlen kommuniziert, sondern über sichtbaren Konsum. Das Auto wird zum Jahresabschluss. Die Uhr ersetzt die Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Eine große Wohnung wird zum Beweis dafür, dass das vermittelte Geschäftsmodell funktionieren muss.
Das ist hervorragendes Marketing. Als Beweis für die Qualität eines Geschäftsmodells taugt es allerdings wenig.
Vemma war ein früher Wendepunkt
Besonders interessant ist rückblickend die Verbindung von Karl Ess zu Vemma. OMR berichtete 2014, dass neben seinem Fitnessprogramm und weiteren Produkten auch der Vertrieb von Vemma zu seinen damaligen Geschäftsaktivitäten gehörte. Vemma vertrieb unter anderem Nahrungsergänzung und Energy-Drinks über ein Multi-Level-Marketing-System.
Das Unternehmen geriet später massiv unter Druck. Die US-amerikanische Federal Trade Commission ging gegen Vemma vor. 2016 kam es zu einer Einigung, durch die Vemma unter anderem Geschäftspraktiken einstellen musste, welche die FTC als Bestandteil eines Pyramidensystems beanstandet hatte.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Das Verfahren der FTC richtete sich gegen Vemma und die dort genannten Verantwortlichen. Daraus lässt sich keine entsprechende Verurteilung von Karl Ess ableiten.
Trotzdem ist diese Episode für seine öffentliche Wahrnehmung interessant. Network Marketing verbindet mehrere Dinge, die später auch in anderen Teilen der Online-Business-Szene immer wieder auftauchten: starke Erfolgsversprechen, persönliche Rekrutierung, Statussymbole, Provisionen und die Vorstellung, jeder könne mit dem richtigen System finanziell außergewöhnlich erfolgreich werden.
Karl Ess veröffentlichte Jahre später selbst Inhalte, in denen er kritisch über seine Erfahrungen mit Vemma und Network Marketing sprach. Das Thema verschwand damit allerdings nicht grundsätzlich aus seiner Marke. Es wechselte eher die Form.
Aus dem Fitness-Influencer wurde der Unternehmer
In den folgenden Jahren wurde „Business“ immer stärker Teil der öffentlichen Identität von Karl Ess. Und das war ebenfalls eine Entwicklung, die man nicht nur bei ihm beobachten konnte. Viele Influencer stellten irgendwann fest, dass Unternehmertum selbst ein Content-Thema ist.
Das hat einen entscheidenden Vorteil: Der potenzielle Wert eines Kunden steigt. Einen Trainingsplan kannst du vielleicht für 50, 100 oder 200 Euro verkaufen. Wenn es dagegen um die Aussicht auf ein erfolgreicheres Unternehmen, ein höheres Einkommen oder finanziellen Vermögensaufbau geht, lassen sich wesentlich höhere Preise rechtfertigen.
Gleichzeitig verändert sich das Marketing. Ein Vorher-Nachher-Foto mit Muskeln wird ersetzt durch eine Geschichte vom finanziellen Aufstieg. Die Transformation lautet nicht mehr: „So sah ich vor zwölf Monaten aus“, sondern: „So habe ich finanzielle Freiheit erreicht.“
Und plötzlich sind Auto, Wohnung, Reisen und Uhr keine privaten Luxusgüter mehr. Sie werden Teil des Funnels.
Genau hier entstand der „Online-Business-Guru“
Der Begriff Guru wird heute ziemlich inflationär verwendet. Trotzdem beschreibt er eine Entwicklung ganz gut. Am Anfang vieler Online-Unternehmer stand eine konkrete Fähigkeit. Jemand konnte Fitness erklären, ein anderer Facebook-Anzeigen schalten, jemand programmierte Webseiten und ein anderer war Verkäufer.
Irgendwann verschob sich bei einem Teil der Szene das Produkt.
Nicht mehr die Fähigkeit wurde verkauft, sondern Erfolg an sich.
Der Fitnesscoach sprach plötzlich über Investments. Der Marketer erklärte Unternehmertum. Der Unternehmer erklärte Mindset. Der Investor verkaufte ein Coaching darüber, wie andere ebenfalls Investoren werden können.
Natürlich kann jemand mehrere dieser Dinge beherrschen. Das Problem ist ein anderes: Für den Käufer wird immer schwerer festzustellen, worauf die tatsächliche Expertise basiert. Ist jemand hauptsächlich reich geworden, weil er Immobilien gekauft hat? Oder weil er Kurse über Immobilien verkauft?
Hat jemand ein erfolgreiches E-Commerce-Unternehmen aufgebaut oder besteht das Unternehmen hauptsächlich daraus, anderen zu erklären, wie man ein E-Commerce-Unternehmen aufbaut? Kommt das Vermögen aus den öffentlich dargestellten Investments oder aus den Provisionen für Produkte und Dienstleistungen, die der eigenen Community vermittelt werden?
Das muss alles nicht unseriös sein. Aber je näher Produkt, Erfolgsversprechen und Selbstdarstellung zusammenrücken, desto wichtiger wird Transparenz.
Karl Ess passte ziemlich genau in dieses neue Internetbild
In den folgenden Jahren tauchte Karl Ess immer wieder im Umfeld von Finanz-, Investment- und Businessinhalten auf. 2024 beschäftigte sich beispielsweise die Süddeutsche Zeitung ausführlich mit der Welt von Krypto-Influencern und beschrieb Karl Ess in diesem Zusammenhang. Der Artikel zeigt ziemlich gut, wie stark sich der Inhalt inzwischen von den ursprünglichen Trainingsvideos entfernt hatte.
Auch das ist kein ausschließliches Karl-Ess-Phänomen. Parallel entstand im Internet eine komplette Ästhetik des schnellen wirtschaftlichen Aufstiegs: Sportwagen, Dubai, Privatjets, Luxusuhren, Zigarren und Penthouse-Wohnungen. Dazu Sätze darüber, dass ein normaler Beruf einen Menschen klein halte und man lediglich das richtige System verstehen müsse.
Das Interessante daran ist, dass Online Business damit ausgerechnet durch seine sichtbarsten Vertreter einen Ruf bekam, der mit dem Alltag vieler echter Online-Unternehmer ziemlich wenig zu tun hat. Der Betreiber eines profitablen Nischen-Onlineshops dreht normalerweise keine Videos vor einem Lamborghini. Der Entwickler einer kleinen SaaS-Software veröffentlicht selten Motivationsvideos aus der Business Class.
Und ein Affiliate, der seit zehn Jahren gute Vergleichsportale betreibt, muss seinen Followern normalerweise nicht erklären, dass er finanziell frei ist. Diese Geschäftsmodelle sind langweilig. Und genau deshalb funktionieren sie auf Social Media schlechter.
Das Problem war nie das Online Business selbst
Man sollte deshalb zwei Dinge nicht miteinander verwechseln. Ein Online Business ist zunächst nichts anderes als ein Unternehmen, das einen wesentlichen Teil seiner Wertschöpfung oder seines Vertriebs über das Internet organisiert.
Ein Onlineshop ist Online Business. Eine Software ist Online Business. Eine kostenpflichtige Community kann Online Business sein. Affiliate Marketing und digitale Kurse ebenfalls.
Daran ist grundsätzlich nichts dubios. Der schlechte Ruf entstand vor allem dort, wo das Internet nicht nur als Vertriebskanal, sondern als Bühne für kaum überprüfbare Erfolgsversprechen genutzt wurde.
Und dafür ist Karl Ess ein ziemlich gutes Beispiel. Er verstand Aufmerksamkeit früh, er verstand Personenmarken und er verstand, dass kostenlose Inhalte ein Produkt verkaufen können. Außerdem verstand er, wie stark Status und Kontroversen Reichweite erzeugen.
Viele dieser Fähigkeiten sind im modernen Marketing wertvoll. Die Frage ist nur, wofür man sie einsetzt.
Immobilien wurden zuletzt zu einem wichtigen Thema
In den jüngeren Inhalten von Karl Ess spielten Immobilien eine deutlich sichtbare Rolle. Besonders interessant ist rückblickend ein Instagram-Video vom 22. Juli 2026, in dem Ess für einen sogenannten „10-Jahres-Plan“ warb. Interessenten sollten ihm ein entsprechendes Stichwort schreiben.
Das ist im Grunde modernes Lead-Marketing in Reinform. Content erzeugt Aufmerksamkeit, ein einfaches Stichwort erzeugt eine Kontaktaufnahme und anschließend kann ein Interessent persönlich angesprochen und beraten beziehungsweise an weitere Angebote vermittelt werden.
Auch dieses Vertriebssystem ist für sich genommen nicht ungewöhnlich. Tausende Unternehmen gewinnen heute über Instagram, LinkedIn oder Facebook auf ähnliche Weise Interessenten.
Nur bekam dieser konkrete Fall wenige Wochen später eine völlig andere Bedeutung.
Karl Ess sitzt im August 2026 in Untersuchungshaft
Mitte August 2026 berichteten mehrere Medien darüber, dass sich Karl Ess in Untersuchungshaft befindet. Die Staatsanwaltschaft München I bestätigte, dass gegen ihn wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Betrug ermittelt wird. Das Ermittlungsverfahren soll im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften stehen. Karl Ess wurde aufgrund eines Haftbefehls des Amtsgerichts München festgenommen.
Nach den veröffentlichten Berichten sollen potenziellen Käufern Immobilien und dazu passende Finanzierungen vermittelt worden sein. In der Berichterstattung wird außerdem ein Fall bei der Volksbank Sauerland erwähnt, bei dem mutmaßlich gefälschte Eigenkapitalnachweise aufgefallen sein sollen.
Welche konkrete Rolle Ess bei einzelnen Vorgängen gespielt haben soll und welche Vorwürfe sich am Ende tatsächlich beweisen lassen, ist zum jetzigen Zeitpunkt Gegenstand der Ermittlungen.
Untersuchungshaft ist keine Verurteilung. Zum Zeitpunkt dieses Artikels gibt es kein rechtskräftiges Urteil, mit dem Karl Ess wegen dieser Vorwürfe schuldig gesprochen wurde. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Die U-Haft ist trotzdem ein einschneidendes Ereignis in seiner öffentlichen Geschichte. Vor allem deshalb, weil sie ausgerechnet ein Geschäftsfeld betrifft, das er kurz zuvor noch offensiv gegenüber seiner Community beworben hatte.
Für den Ruf des Online Business ist die Geschichte fast zu passend
Und damit kommen wir zurück zur eigentlichen Frage. Warum haben so viele Menschen bei „Online Business“ sofort ein ungutes Gefühl?
Nicht wegen Shopify, WordPress, E-Mail-Marketing oder digitalen Produkten. Sondern weil einige der sichtbarsten Personen der Branche über Jahre ein völlig anderes Bild geprägt haben.
Der erfolgreiche Online-Unternehmer wurde als jemand dargestellt, der möglichst jung möglichst reich wird, keinen normalen Arbeitsplatz braucht, ständig neue Geschäftsmöglichkeiten entdeckt und anderen anschließend zeigt, wie sie dasselbe erreichen können. Das klingt zunächst attraktiv, erzeugt aber ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem.
Denn wenn der Verkäufer gleichzeitig der wichtigste Beweis für das Produkt ist, hängt das gesamte Geschäftsmodell an seiner persönlichen Geschichte.
Ein Immobilienberater kann normalerweise anhand seiner Ausbildung, bisherigen Projekte, Referenzen und konkreten Objekte beurteilt werden. Beim Business-Influencer lautet der Kompetenznachweis dagegen schnell: „Ich bin Millionär.“
Ob das Vermögen existiert, woher es stammt und wie profitabel die dargestellten Unternehmen tatsächlich sind, lässt sich von außen häufig kaum überprüfen. Genau daraus entsteht Skepsis.
Die eigentliche Lehre
Es wäre zu einfach, aus der Geschichte von Karl Ess die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Online Business unseriös sei. Meiner Meinung nach zeigt sie beinahe das Gegenteil.
Viele Dinge, die Karl Ess früh gemacht hat, waren unternehmerisch vollkommen nachvollziehbar: eine Zielgruppe über kostenlose Inhalte aufbauen, eigene Produkte statt ausschließlich Werbung verkaufen, eine Personenmarke entwickeln, mehrere Vertriebskanäle nutzen, Produkte digitalisieren und Social Media zur Kundengewinnung einsetzen.
Diese Mechanismen funktionieren bis heute. Problematisch wird es dort, wo Marketing und Realität nicht mehr sauber voneinander getrennt werden können.
Ein gutes Online Business braucht keinen Sportwagen als Beweis. Es braucht Kunden, die ein echtes Problem haben, ein Produkt, das dieses Problem löst, und ein Geschäftsmodell, bei dem nach allen Kosten langfristig Geld übrig bleibt.
Das klingt wesentlich langweiliger als finanzielle Freiheit mit 22. Aber genau so sieht Unternehmertum meistens aus.
Seriöses Online Business ist meistens erstaunlich unspektakulär
Vielleicht ist das sogar die wichtigste Erkenntnis aus der gesamten Entwicklung. Die spektakulärsten Online-Unternehmer sind nicht automatisch die besten Unternehmer.
Viele sehr profitable Internetunternehmen kennst du überhaupt nicht. Sie betreiben spezialisierte Softwareprodukte, Onlineshops, Informationsportale, Agenturen, Newsletter, Plattformen oder digitale Dienstleistungen.
Niemand steht vor einem Lamborghini. Niemand muss beweisen, dass ein Angestelltenverhältnis schlecht ist. Und niemand erklärt dir jeden zweiten Tag, dass du nur eine Entscheidung von finanzieller Freiheit entfernt bist.
Das Unternehmen verdient Geld, weil Kunden freiwillig für einen konkreten Nutzen bezahlen. Eigentlich ziemlich langweilig.
Und genau das ist meistens ein gutes Zeichen.
Mein Fazit zu Karl Ess‘ Situation
Karl Ess ist eine ungewöhnliche Figur in der Geschichte des deutschsprachigen Internets. Er war früh bei YouTube dabei, baute eine enorme Reichweite im Fitnessbereich auf und verstand bereits vor mehr als zehn Jahren, wie sich kostenlose Inhalte mit digitalen Produkten, E-Commerce und einer starken Personenmarke verbinden lassen. Vieles davon wurde später zum Standard im Creator- und Online-Business-Markt.
Gleichzeitig steht seine Entwicklung beispielhaft für die problematische Seite dieser Szene. Aus Fachwissen wurde Lifestyle. Aus Fitness wurde Business. Aus Business wurden Investments und Immobilien. Der persönliche wirtschaftliche Erfolg wurde dabei zunehmend selbst Teil des Produkts und des Marketings.
Die im August 2026 bekannt gewordene Untersuchungshaft ist nun der vorläufige Tiefpunkt dieser Entwicklung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Betrug im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften. Was davon sich bestätigt, müssen die weiteren Ermittlungen und gegebenenfalls ein Gerichtsverfahren zeigen.
Für mich liegt die spannendere Erkenntnis aber woanders: Karl Ess ist nicht der Beweis dafür, dass Online Business unseriös ist. Er zeigt vielmehr, warum seriöses Online Business so häufig mit unseriösem Marketing verwechselt wird.
Die Werkzeuge sind nämlich dieselben. YouTube funktioniert. Personenmarken funktionieren. Digitale Produkte funktionieren. Social-Media-Vertrieb funktioniert. Affiliate Marketing funktioniert.
Entscheidend ist, was hinter dem Marketing tatsächlich passiert. Denn langfristig ist nicht die Frage wichtig, wie erfolgreich ein Unternehmer auf Instagram aussieht, sondern warum seine Kunden ihm Geld bezahlen und was sie dafür tatsächlich bekommen.
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